Dispo Warnpflicht: eine Reform ohne Wirkung?

Seitdem die große Koalition im Amt ist, gibt es ein neues Schlagwort im Kreditgeschäft. Es lautet Dispo Warnpflicht.

Die Pläne der Regierung, wohl noch nicht bis ins Letzte konkretisiert, sehen eine Warnpflicht der Banken vor, wenn teure Dispositionskredite über längere Zeit in Anspruch genommen werden.

Den betroffenen Kunden sollen dann andere Darlehensoptionen angeboten werden, deren Zinsbelastung nicht so hoch ist. Wahrscheinlich soll es sich dabei nicht nur um normale Ratenkredite sondern auch um günstigere Rahmenkredite handeln.

Die Reaktionen auf dieses Reformvorhaben zum angeblichen Verbraucherwohl sind durchwachsen. Verbraucherschützern gehen Dispo Warnungen nicht weit genug.

Das Echo der Banken ist hingegen gespalten. Einige, wie die Commerzbank, freuen sich bereits auf den neuen gesetzlich vorgeschriebenen Vertriebsweg, Kunden unaufgefordert kontaktieren zu können und auf diese Weise neue Finanzprodukte an den Mann zu bringen.

Andere Banken, wie die Deutsche Bank, lehnen das Reformvorhaben rundweg ab. Sie verweisen auf zusätzlichen bürokratischen Aufwand und die fragwürdige Wirkung auch auf den Verbraucherschutz.

Wer könnte von Dispo Warnungen profitieren?

Die Frage ist tatsächlich, für welche Kundengruppe gesetzlich vorgeschriebene Warnungen bei Inanspruchnahme von Dispositionskrediten mehr Verbraucherschutz bedeuten.

Zunächst einmal muss davon ausgegangen werden, dass der Gesetzgeber den Banken kaum vorschreiben wird, zu welchem Zinssatz sie einem Kunden Kreditalternativen anbieten müssen, der längere Zeit am Limit seines eingeräumten Dispositionskredites oder gar eines geduldeten Überziehungskredits operiert.

Dies vorausgeschickt, sollen jetzt drei Fallgruppen betrachtet werden.

Gelegentliche Nutzung des Dispos

Wer seinen Dispositionskredit nur hin und wieder nutzt, um kurzfristige Zahlungsschwierigkeiten etwa zum Ende des Monats auszugleichen, sonst sein Konto aber im Plus führt, der würde eine solche Warnung zu Recht eher als Belästigung als einen Beitrag zum Verbraucherschutz verstehen.

Diese Kundengruppe nutzt den Dispositionskredit in vernünftiger Weise, und es wäre ziemlich widersinnig, ihnen wegen der gelegentlichen Nutzung des Dispo einen Ratenkredit anzudrehen.

Dauernde Ausschöpfung der Überziehung

Wer den eingeräumten Dispositionskredit dauert ausschöpft oder gar eine geduldete Überziehung in Anspruch nimmt, dem wird eine Dispo Warnung mit anschließendem Angebot eines Ratenkredits in der Regel wenig nutzen.

Die völlige Ausnutzung eines Dispositionskredits ist nicht immer, aber doch in vielen Fällen, ein ziemlich sicheres Zeichen für eine verhältnismäßig schlechte Bonität. Die Bank wird deshalb kaum zu bewegen sein, gerade diesem Kundenkreis besonders vorteilhafte Konditionen für ein Alternativdarlehen anzubieten.

Die Zinsen für eine alternative Kreditgewährung werden aller Voraussicht nach relativ hoch sein müssen und der Kreditnehmer trägt außerdem noch die monatliche Tilgungsleistung. Dadurch kann die Belastung im Vergleich zum Dispokredit genauso hoch oder sogar noch höher werden.

In solchen Fällen profitiert der Bankkunde kaum. Eher kann es nötig sein, dem Kunden Hilfe zur Regulierung anzubieten.

Dispokredit aus Bequemlichkeit

Bei der dritten Kundengruppe kann es in der Tat zu Vorteilen durch die Dispo Warnpflicht kommen. Es handelt sich dabei um Bankkunden, die eigentlich solvent sind, die aber die hohen Dispositionszinsen aus Bequemlichkeit, vielleicht auch aus Unwissen, einfach hinnehmen.

Diese Bankkunden könnten von der Neuregelung profitieren. Die Dispo Warnung könnte ein Weckruf sein den Anstoß dafür geben, sich vernünftigerweise nach einer Alternative umzuschauen, sofern der Dispositionskredit nicht in naher Zukunft abgebaut werden kann oder soll.

Die Frage ist nur, ob die Bank, die den Dispokredit gewährt, auch das günstigste Alternativdarlehen zur Verfügung stellt. Häufig wird das nicht der Fall sein, und Ratenkredite oder Rahmenkredite von Drittanbietern werden günstiger sein.

Eine effektive Dispo Warnung müsste also eigentlich voraussetzen, dass der Bankmitarbeiter dem Kunden mitteilt, er könne das Darlehen bei seiner Hausbank aufnehmen, aber eigentlich sei eine Kreditaufnahme bei einem anderen Geldinstitut günstiger.

Dispo Warnung: Was sagen die Banken?

Die Position der Finanzwirtschaft zur Dispo Warnpflicht ist uneinheitlich. Offenbar hat aber die Commerzbank eine solche gesetzliche Regelung ausdrücklich begrüßt.

Es soll nicht unterstellt werden, dass dies allein aus Eigeninteresse erfolgt, weil eine Dispo Warnpflicht für Banken einen neuen Vertriebsweg eröffnen würde. Allerdings könnte die Commerzbank, ebenso wie andere Banken, einen sehr effektiven Beitrag zum Verbraucherschutz leisten, wenn sie auf überhöhte Zinsen für Dispositionskredite und geduldete Überziehungen verzichten.

Objektiv jedoch bietet eine zwingend vorgeschriebene Dispo Warnung jeder Bank eine lukrative Möglichkeit, ihre Finanzangebote zu vermarkten. Vertriebsmitarbeiter können sich auf das Gesetz berufen, wenn sie mit ihren Kunden in Kontakt treten. Die Kontaktaufnahme wird dann viel weniger als Belästigung oder als Versuch gewertet, Finanzprodukte an den Mann zu bringen.

Auf der Suche nach vernünftigen Lösungen ist natürlich eine Analyse der wirtschaftlichen Verhältnisse des Kunden unumgänglich. Bei dieser Gelegenheit bietet es sich an, dem Kunden auch noch weitere Finanzprodukte ans Herz zu legen, Geldanlagen, Rentenlösungen oder Versicherungen beispielsweise.

Kunden, die ihr Konto dauerhaft überziehen, haben bei einem solchen Beratungsgespräch eher eine schwache Position. Dadurch wird die Abschlussquote objektiv erhöht.

Verbraucherschutz durch Senkung der Dispozinsen

Die Senkung der Dispozinsen ist unumgänglich, will man Verbraucherschutz ernst nehmen. Darauf weisen namhafte Vertreter der Verbraucherschutzverbände zurecht laufend hin. Die Finanzwirtschaft kann dies in Eigeninitiative tun. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, so dass eine gesetzliche Regelung sich wirklich aufdrängt.

Vorgeschlagen wird eine gesetzliche Deckelung der Zinsen. Grundlage könnte der Zinssatz sein, zu dem sich Banken refinanzieren zuzüglich eines angemessenen Aufschlags. Verbraucherschützer schlagen eine Spanne von 7 % zwischen Kundenzinsen und Refinanzierungszinssatz vor.

Selbst allgemeine Aufklärungskampagnen, unter welchen Voraussetzungen sich eine Umschuldung in einen Ratenkredit oder einen Rahmenkredit lohnt und wie man an die günstigsten Bedingungen kommt, könnten vielleicht sogar effektiver sein, als Dispo Warnungen von Banken, die mit überhöhten Dispositionszinsen Geld verdienen.